Autismus, Ich und Wir
Aus meiner Kindheit:
“Es gibt keine schwierigen Fragen. Es gibt nur Fragen, auf die du die Antworten noch nicht kennst. Wenn du die Antwort kennst, ist die Frage nicht mehr schwer.”
Sabrina Green
So recht weiß ich nicht, wie ich anfangen soll, aber ich denke mit ein paar Zeilen, wird sich das Chaos schon fügen, so wie immer.
Obwohl unser neues Familienmitglied weder bellt noch miaut, hat es mich die letzten 3 Jahre echt auf Trab gehalten.
Die späte Erkenntnis, dass ich Autismus habe, hat eingeschlagen wie eine Bombe. Von Natur aus liebe ich Chaos. Ich finde es oftmals witzig und habe meinen Spaß daran. Aber das war nun doch zu viel. Ich weiß, schon alleine dieser Absatz ist jetzt echt komisch für mich zu lesen und ich fange erst an mit schreiben! Egal, weiter geht's. Einer muss es ja sagen.
Als ich 2017 eine gewaltige Entscheidung getroffen habe, ahnte ich nicht mal im Ansatz, was das für Konsequenzen für mich hat. Corona und private Umstände haben zwar dazu geführt, dass alles langsamer vorankommt als geplant, aber da mir nicht zugehört wurde, war es unausweichlich.
2023 war schon “voll mit Autismus”. Noch nie war ich so lange in einer “Warteschleife” und musste einen Plan nach dem anderen abarbeiten. Blind von einem Desaster ins nächste gerannt. Ausgehalten, durchgehalten, weiter gemacht. Zeit zum Durchatmen gab es kaum, zumindest fühlte es sich so an. Noch schlimmer; Zeit zum Verarbeiten gab es keine.
Auf natürliche Weise kommt bei mir, nach dem Winter, erst wieder ab Februar "Ruhe rein”. Das war schon immer so und wurde von mir so hin genommen. Scheint ja normal zu sein. Jeder freut sich auf den Frühling. Endlich Februar, endlich geschafft. Dass dieser Zustand ganz andere Gründe hat, habe ich auch erst 2025 verstanden. 2024 war es aber anders. Februar kam und ging, aber die innere Ruhe blieb aus. Viel blieb aus. Kleinigkeiten blieben aus. Zum Teil auch alles. Klar, nichts Ungewöhnliches, denn 2023 war schon stressig genug und hat mir viel abverlangt. Ich war zwar irritiert, aber war noch davon überzeugt, dass das schon wird. Dass ich es lerne. Dass ich es schaffe.
Bis zum Burnout Dezember 2024.
Gedanken und Gefühle jenseits von Gut und Böse. Ich spürte Hass. Das tiefe Gefühl von Hass und Leere wuchs rasch. Die Angst vor mir selber leider auch. Meine ganze Welt brach zusammen und ich wusste nicht warum. Ich hab ja nichts falsch gemacht. Ich hab gut aufgepasst und hab kaum für Ärger gesorgt. Warum jetzt das. WAS ist das für ein Chaos! Dieses Chaos mochte ich nicht.
Ein Hauch von Ruhe kehrte ein. Meine Neugier hatte noch nicht aufgegeben. Sie wollte mehr. So wie immer. Sie ist schon immer ein großer Teil von mir. Zum Glück. Wir können ja erst mal drüber reden und dann schauen wir weiter. Ich kenne mich so nicht. Ich weiß, dass ich so nicht bin. Jetzt wollte ich wissen, was DAS ist.
Von da an war Autismus nur ein paar Mausklicks entfernt.
Ein paar Mausklicks und hunderte Lesestunden. Ich habe ganze Tage durchgelesen. Seiten auf Deutsch und Seiten auf Englisch gelesen. Das www ist Grenzenlos. Oft sogar die Seiten in beiden Sprachen, weil ich Angst hatte, es falsch zu verstehen.
Ich war voll in meinem Element: Lesen, Recherchieren, Verarbeiten.
Halt! Stop! Zurück!
Ich war im Tunnel, denn die Verarbeitung fand überhaupt nicht statt!
Oftmals total überfordert und leer habe ich mir ein zweites Thema gesucht und natürlich über die Hunde und Zucht gelesen. Dort war ich dann in meinem Element und konnte zig Fragen klären, beantworten und verarbeiten. Ich habe viel geprüft und vieles geändert. Um Stress zu umgehen und um in Ruhe zu gelangen, lerne ich.
2025 kam dann doch plötzlich zu schnell. Mein runder Geburtstag stand vor der Tür. Wieder “Warteschleife”, wieder aushalten und abwarten. Aushalten war leider nicht möglich und ich war froh, dass wir einander keine Gedanken lesen konnten. Keiner wusste was von meinem Kampf.
Das Jahr verging mit vielen Fehlern, vielen Feinden, vielen Shutdowns und Blackouts. Auch waren Meltdowns viel öfter zu Gast. Ja, mittlerweile konnte ich alles benennen. Verarbeitet war aber noch nichts.
All die guten Dinge in 2025, die ich gemacht habe. All die Lächeln, die ich in fremde Gesichter gezaubert habe, nur weil ich so war wie ich bin. All das Glück, die Freude, die Hilfen, der Spaß, das Zusammensein, all das schien nicht zu sein. Es war nicht da, weil in meinen Erinnerungen keine Gefühle waren. Nur die Erinnerung an etwas nützt nichts. Es sind die Gefühle, die tragen und Halt geben und das war nicht da. Für mich blieb nur Chaos oder Leere. Kaum was dazwischen. Die Balance fehlte. Bis Ende des Jahres hatte ich weder Hilfe noch einen Plan. Ich fing wieder an zu zweifeln. Autismus kann es nicht sein. Ich habe so viel Zeit damit verbracht und nichts ändert sich. Ich werde nicht “besser”. Mein Lernen ist kaputt!
Im Dezember kam es zu einem Ereignis, das ich so nicht habe kommen sehen. Wie denn auch. Danach kehrte erst mal Ruhe ein. Richtige Ruhe. Zeit zum Luft holen. Ich hatte einen Plan.
In einem Telefongespräch mit meiner Schwester von Ende Dezember, gab es dann 2 Sätze. Einer von ihr und meine Antwort. Und da war sie. Die Erinnerung, die trägt. Eine Erinnerung voller guter Gefühle. Nach etlichen Jahren bin ich nun in Ruhe durch den Weihnachtsurlaub gekommen. Kein Stress, keine Unruhe, kein wie lange noch. Ich hatte es einfach nur geschafft.
Ein klärendes Gespräch gab noch mehr Ruhe und Halt und somit hatte ich die Kraft es meiner Familie zu sagen. Ein letzter Gedankenweg um “normale” Antworten zu finden brachte mich aber dann an meine Grenzen und diese Geschichte zeigte mir dann ganz klar, dass ich Umdenken muss. Es war Zeit, den Blickwinkel zu ändern und ich konnte.
Nun suchte ich nach meiner autistischen Seite. Was mach ich den? Was ist an mir autistisch? Was ist anders? Mir hat ja nie jemand etwas gesagt und als Kind erklärt man sich die Welt dann selber. Passt halt schon.
Also zurück zum Gespräch. Dann eben so. Auch gut.
Dass ich quasi alles weiß, wusste ich jetzt. Mein Lernen war nicht kaputt. Ich hatte nur nichts verarbeitet und einfach nur Wissen gesammelt.
Die wichtigsten Punkte habe ich gesagt “brainstorming”. Die Vernetzung hatte ich im Kopf "mindmap". Das ist meine Art des Denkens. Muss ja normal sein, lernt man ja in der Schule. Früher war diese Art von Reden mein “Mama guck mal, hör mal!” Das fing vor der Schulzeit an.
Danach ist erstmal der Kopf aufgeräumt und alles zugeordnet.
Nun konnte ich alle Punkte, bis in die frühe Kindheit, abarbeiten. Punkt für Punkt. Schritt für Schritt. Gar nicht schön. Gar nicht einfach und oft einfach nur scheiße.
Meine Gedanken kreisten oft, auch ohne dass ich es in diese Richtung wollte. Sie brachten mich wieder mal oft an meine Grenzen. Das Fiese an der Sache: Ein Gedanke, der jetzt trägt, ist schön und hilfreich. Wurde ich aber beim Denken unterbrochen, fängt derselbe Gedanke von neu an, sobald ich Ruhe habe. Derselbe Gedanke, der zuvor trug, trug dann oft nicht mehr, weil die Gefühle dann negativ waren. Und das war eine Eigenschaft, die ich lange nicht kontrollieren konnte. Mein Kopf machte was er wollte. Einfach nur “Pause drücken” war nicht mehr möglich und ich wusste nie, was als nächstes kommt. Kein guter Zustand, wenn man nicht alleine ist!
Vor rund zwei Wochen (Ende July 2026) habe ich das letzte Puzzlestück gefunden.
Es ist eine Kleinigkeit, die aber zu großen Problemen führen kann bzw. geführt hat, die sich mit einer noch viel kleineren Kleinigkeit beheben lässt!
Ich zu mir selbst: “Wie blöde bist du eigentlich?!”
Diese Änderung muss noch sein, danach bin ich fertig.
Jetzt stört nichts mehr. Jetzt ist alles gut und so darf es bleiben. So darf ich bleiben.
Ich werde bestimmt noch vieles herausfinden und es wird noch viele “klicks” im Kopf geben, aber das ist okay und bestimmt dann auch witzig.
Lange Zeit war ich mein größtes Projekt und ich bin froh, dass es sich wieder wie ICH anfühlt.
Ich kenne dieses komische, ungewohnte Gefühl, welches mit jeder Änderung kommt. Die Änderungen will ich immer, sonst würde ich es nicht machen, aber es fühlt sich trotzdem erst mal komisch an. Eben ungewohnt.
Ich denke Komisch wird noch etwas länger bei mir wohnen, aber sie wird sich ein Zimmer mit Neugier teilen müssen, dann wird das schon.
Warum schreibe ich all das?
Ganz einfach, um aufzuklären.
Um über mich, meine Zucht, Autismus und Neurodiversität aufzuklären, denn es ist nicht “einfach für dich” und es ist auch nicht “du schaffst das schon”.
Es ist kein Beinbruch. “Och wie schade. Das tut mir leid. Aber das schaffst du schon. In 6 Wochen kommt der Gips ja wieder ab.”
Der Scheiß war die ganze Zeit da, ist da und wird bis zum Ende da sein und keiner will was bemerkt haben? Echt jetzt? Wollt ihr mich verarschen?!
Doch, viele haben es bemerkt. In der Vergangenheit und auch in der Gegenwart.
99,9% der Leute konnten es aber nicht einordnen. Sie wussten nicht, was DAS ist und das möchte ich ändern.
Sowas ist echt mies und auch echt gefährlich!
Um so etwas zu verhindern, müssen schon Kinder mit beiden Welten aufwachsen. Es sollte für sie - für alle Kinder - normal sein, dass es Unterschiede gibt. Aber wie sollen Kinder das verstehen, wenn die Erwachsenen blind sind? Wo sind die Erwachsenen, wenn man sie braucht.
Auch ich war ein Kind und hätte - Rückblickend - viel mehr Hilfe benötigt.
Man hat mein “Fehlverhalten” oder mein “nicht normales Verhalten” geduldet. Frei nach dem Motto: Hauptsache sie ist lieb.
Süß und niedlich reicht irgendwann aber nicht mehr aus.
Nachfolgend versuche ich mal ein paar “Besonderheiten” aufzuschreiben. Da ich etliche Monate damit beschäftigt war, mein Leben auf Links zu krempeln, steht nun einiges in einem anderen Licht. Vielleicht findet sich der ein oder andere dort wieder. Erkennt solch “komische” Momente in seinem eigenen Leben. Vielleicht hilft es, die Unterschiede zu finden. Vielleicht hilft es euch, euren roten Faden des Lebens zu finden.
Seit ich denken kann, bin ich anders im Umgang mit Tieren. Meine Hunde und meine Zucht sind da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil. Hier bin ich ich und wir wir.
Seit 17,5 Jahren züchte ich nun. Meine Zucht ist nie im Stillstand, ich bin nie im Stillstand. Es geht immer voran. Es ist für mich unerklärlich, warum gefühlt alle Züchter es immer noch so machen wie vor 10, 15 oder 20 Jahren. Sie sind sogar zum Teil stolz darauf. Auf was sind sie stolz? Auf dass sie es heute nicht besser wissen als damals?
Von Anfang an musste ich mich auch immer erklären (ich hasse es, wenn ich mich rechtfertigen muss! Oftmals konnte ich es ja überhaupt nicht. Ich weiß nicht immer, warum ich etwas mache oder so will, ich weiß nur, dass es so sein muss). Alle sehen, dass es gut ist, aber keiner kann es glauben, weil??? Warum? Was sehe ich hier nicht. Wo ist der Unterschied?
Ich kenne nun den Unterschied:
Ihr braucht für alles eine Erklärung. Eine Regel. Ein Gesetz. Etwas was euch sagt “wo es lang geht”. Ihr folgt der Mehrheit. Als Primat immer schön der Banane hinterher.
Mir ist es scheiß egal ob ich etwas erklären kann oder ob andere mir folgen. Wenn es gut ist, wenn es niemandem schadet, wenn es besser ist als vorher, dann ändere ich es. Punkt. Es funktioniert, das Warum ist mir egal.
Und diese Erklärungsnot begegnet mir in allen Bereichen, da ich auch in allen Bereichen Änderungen durchführe. Freies, logisches Denken ist oft nicht erwünscht. Da ich aber kein Ja-Sager bin, ist das nun echt blöde.
Meine Hunde sind nicht nur durch mich auf Autismus geprägt, die enge Bindung an mich, an die Menschen, das Feinfühlige ist genetisch auch verankert. Verhalten wird vererbt - sowohl positives Verhalten als auch negatives Verhalten. Durch Epigenetik werden im Laufe des Lebens Gene an und aus geschaltet, die Verhalten zulassen oder eben nicht. So wird Vererbung noch schneller.
Mein Leben mit den Hunden ist ein anderes Leben, wie es normale Menschen machen. Es ist die emotionale Ebene, die anders ist.
Ruhe und Sicherheit sind das Wichtigste für mich und da quasi alles, was ich mache, auf Gefühle beruht, mache ich alles was sich “sicher anfühlt”. Was sich “nicht sicher anfühlt", mache ich nicht. Das erklärt meinen inneren Kompass am Besten.
Ich kann einem Hund nicht Ruhe beibringen im Sinne von ihm erklären, aber ich kann ihm zeigen, wie es geht, ich kann ihm helfen, es zu fühlen, ich kann den nötigen sicheren Raum schaffen, dass die Ruhe von alleine kommt. Wenn man diesen Punkt erreicht hat, ist zum einen der Rest egal und zum anderen kommt alles wichtige dann von alleine.
Es passiert einfach. Das WIR ist einfach da. Da brauch ich nicht viel machen.
Und ich denke, dass dies auch ein sehr großer Unterschied ist, denn gefühlt 98% der anderen Menschen scheinen zu glauben, sie müssen viel machen, um viel zu erreichen und um ihren Hund glücklich zu machen. Aber der Hund braucht so viel weniger. Wir müssen das echt aus euren Köpfen raus bekommen.
Aber genug von den 4-Beinern.
Über meine Lockenwölfe, die Zucht und Co. werde ich noch an anderer Stelle schreiben. Hier möchte ich Raum für mich, Autismus und Co schaffen.
Eines meiner Probleme sind Quellenangaben. Ich habe dazu einfach keinen Draht und das war schon zur Schulzeit ein großes Problem. Oftmals lese ich viel zu viel über mehrere Tage. Die Infos sind da, aber wo ich was von wem gelesen habe fehlt. Das folgende Zitat habe ich auch irgendwo gelesen und habe keinen Plan, wer es geschrieben hat. Ich hoffe, es ist nicht geschützt!
“Autismus sind kleine Veränderungen im Verhalten, die das Leben negative beeinflussen”
Dieser Satz hat mir oft Halt gegeben und Mut gemacht, denn es sind auch diese besonderen kleinen Veränderungen in meinem Verhalten, die das Leben von vielen Menschen positiv bereichert haben.
Manchmal nur für den Augenblick. Manchmal prägend für die Zukunft. Und genau das bin ich auch und ohne Autismus wäre das nicht vorhanden. Aber darauf möchte ich auf keinen Fall verzichten. Ohne eingebildet klingen zu wollen, bin ich fest davon überzeugt, dass ich ein guter Mensch bin. Es gibt nämlich auch schöne Seiten am Autismus, nein, es gibt auch schöne Seiten an mir und genau diese liebe ich so sehr.
Ich bin sowohl mit mir als auch mit meiner Vergangenheit im Reinen, keiner wusste es und keiner wollte mir mit Absicht schaden. Es ist halt einfach so wie es ist und das ist auch gut.
Aber ich möchte versuchen, einen sicheren Raum zu schaffen, für nachfolgende Generationen. Das Chaos sollte man niemanden aufzwingen. Niemand hat das verdient und ich hatte einfach Glück gehabt.
Ich selber habe nur 2 Personen, mit denen ich reden kann und die mir bei der Verarbeitung, wissentlich und unwissentlich, geholfen haben und noch weiterhin helfen.
Eine dritte Person ist vor kurzem hinzugekommen, mit der ich schreiben kann. An diese Person hatte ich gar nicht mehr gedacht, aber der neue Kontakt kam genau zur richtigen Zeit und hat mir mein “Ja, genauso" noch einmal bestätigt. Jetzt kann ich schreiben.
Nur drei Personen. Eigentlich schon traurig, aber diese Drei haben in wenigen Monaten etwas geschafft, was ich alleine in 2 Jahren nicht geschafft habe!
Man braucht nicht unbedingt viel Hilfe. Man braucht die richtige Hilfe. Die falsche Hilfe, hilft nicht.
Und genau hier möchte ich ansetzen.
Ich möchte helfen, wo ich helfen kann. Mut machen, wo Mut fehlt. Zuhören, wo andere taub sind. Ich möchte aufpassen. Ich passe nämlich gerne auf.
Ich weiß nur allzu gut, wie rasch ein falsches Wort, eine stressige Situation, etwas unerwartetes oder auch eine Kleinigkeit meine Welt zerbrechen lässt. Manchmal ist es nur der letzte Tropfen, der fehlt und alles kippt. Dieses Gefühl, man wäre “On the Edge of the Fire", begleitet mich schon immer. Die meiste Zeit kann ich es unter Kontrolle halten und schaffe den Tag irgendwie, am Besten alleine. Ich habe viel zu früh gelernt, wie schön alleine ist. Nein! Ich habe viel zu früh gelernt, wie sicher alleine ist.
Stören tut es mich nicht. Ich habe immer das gemacht, was ich wollte und war viel alleine unterwegs in der Natur und auf diversen Bauernhöfen war ich stets willkommen. Pferde, Schafe, Schweine, … Ich war überall und habe überall mit angepackt und durfte lernen.
Langeweile kenne ich kaum, ich finde immer eine Beschäftigung.
Aber wie passt das jetzt mit Autismus zusammen, denken vielleicht einige. Wie kann ein Kind mit Autismus so unterwegs sein?
Das hatte ich dem “Save Space” zu verdanken und wenn dann noch “Safe Person” hinzu kommen geht sogar noch viel mehr.
Wenn ich an die Tiere wollte, kam ich um den Rest nicht umhin. Ich war auf den Höfen gerne gesehen, da ich mich mit um die Tiere kümmerte, eine sehr starke Bindung zu ihnen hatte, früh schon vernünftig gehandelt habe, viel gelernt habe, aufgepasst habe, keinen Ärger gemacht habe und vor allem nicht aufgefallen bin. Zumindest nicht negativ. Zu meiner Kinderzeit war es noch normal, dass Kinder nicht mit Erwachsenen sprechen, das ich kaum Sprach, hat niemanden gestört. Fragen beantworten ging ja und die meiste Zeit war ich alleine bei den Tieren. Also alles perfekt für mich. Erholung pur.
Meine “schlechten Tage” waren eben schlechte Tage. Die hat doch jeder mal. Ist doch normal.
Das Problem war, dass ich nicht den Unterschied wusste zwischen euren schlechten Tagen und meinen schlechten Tagen.
Die paar mal, wo ich mich getraut habe etwas zu sagen, wurden nicht ernst genommen. Also war ja alles okay und da ich niemanden zur Last fallen wollte und ich eh schon genug Angst hatte, machte ich den Rest mit mir selber aus.
Ich habe Wege gefunden, mir zu helfen. Nein, ich wusste was mir gut tut und was nicht und habe mich daran gehalten. Ich war sehr einzelgängerisch. Alle Lebensbereiche mussten voneinander getrennt ablaufen. In der Schule hatte ich meine Schwester. Als der Tag fertig war, ging ich ins Bett. Die Natur war mein Freund. Ich wuchs in einer Zeit auf, wo es normal ist, dass Kinder den Tag draußen verbringen. Ich war ein Freigeist und obwohl meine Familie nichts von Autismus und Co. wusste und obwohl ich ja doch oft komisch war, durfte ich so sein wie ich war. Ich wurde nicht getadelt oder bestraft. Ich hatte eine schöne und sichere Kindheit. Ich hatte Glück gehabt.
Recht früh hatte ich meine eigenen Haustiere. Das war meins. Ich habe von Anfang an alles durchdacht, geplant und gemacht. Den richtigen Zeitpunkt abgewartet, gefragt und immer ein “Ja” bekommen. Bis auf Reptilien, Spinnen und der Gleichen durfte ich fast alles haben.
Mum und Dad haben immer den vollen Plan bekommen. Gemessen an meinem Alter waren diese Pläne echt krass und deckten alle Bereiche ab: Anschaffung, Pflege, Versorgung, Zucht und natürlich das Finanzielle. Meine Finanzpläne sind deutlich größer geworden, aber wie Geld "funktioniert", wusste ich früh.
Meine Tiere sind auch von Anfang an mein Ein und Alles. Du solltest ein echt lieber Mensch sein, wenn du in diesen Teil meiner Welt rein willst. Eingebildete Ja-Sager haben hier nichts zu suchen. Das war früher schon so und jetzt genau so. Safe Space.
Um ein kleines Beispiel für meine Zucht von früher zu geben:
Ich hatte Hamster und habe mir 2 mal Hamster während unseres England Urlaubs gekauft + Zubehör um sie mit nach Deutschland zu bringen, um meine Zucht zu verbessern. Das eine Jahr lief alles gut und beim zweiten Mal hatten wir echt starken Seegang. Den Gästen auf der Fähre ging es echt schlecht und es ging auch einiges zu Bruch. Bei mir lagen die Nerven blank, weil ich nicht zum Auto durfte, um nach meinen Hamstern zu schauen. Ich wusste ja nicht, wie es ihnen geht. Es ging ihnen gut. Als das Schiff anlegte und wir zu den Autos konnten, durfte ich kurz nach schauen und die Zwei waren am schlafen. Alles gut.
Ich habe mit 13 Jahren angefangen, Genetik zu lernen und wusste, dass Inzucht nicht gut ist. Mit Tieren aus England konnte ich Inzucht 100%tig umgehen und schön waren sie auch noch.
In diesem Punkt habe ich wohl kaum etwas geändert.
Ganz zu Beginn, als Autismus auf den Lernplan kam, war ich oft auch irritiert - oder sowas ähnliches.
Ich kannte bis dahin Autismus nur aus Film und Fernsehen. Mehr nicht. Ich und krank! Ich bin nicht krank. Mir geht es gut. Nicht besonders gut, aber es fühlte sich nicht wie krank an. Dann, eines Morgens, stand ich vor dem Spiegel und ich schaffte es, meine eigene Welt zu zerbrechen. “So sieht also Autismus aus”. Dieser Gedanke war nur ganz kurz da, dann war Stille im Kopf und der Gedanke war im Reich der Katakomben verschwunden. Gut so! Das war zu viel. Das konnte ich nicht. Dort blieb er bis vor ein paar Tagen.
Wir hatten einen Ausflug gemacht und dort saß sie. Eine junge Autistin, auf einer Picknickdecke. “So sieht Autismus aus. Genau so”. Vor meinem Drama hätte ich die junge Autistin ohne weiteres erkannt. Es war zwar eine “milde Form” von Autismus, aber man konnte es nicht übersehen.
Wenn wir von Krank reden oder von einem Zustand, hat jeder von uns ein Bild im Kopf. Wir erkennen, wenn jemand sich was gebrochen hat, wenn jemand die Grippe hat, wenn eine Frau schwanger ist, wenn jemand Kopfschmerzen hat und und und …. Wir erkennen dies, weil es Teil unseres Miteinanders ist. Nichts von dem ist durch Film und Fernsehen geprägt.
Soll ich euch mal ein Geheimnis verraten? Ich habe herausgefunden, dass Autismus, Neurodiversität und Co. keine Gesichter haben. Wir haben eine Falschprägung im Kopf. Menschen, die es schwerer getroffen hat, sieht man es an, aber bei der “milden Form” eben nicht. In solchen Fällen muss man wissen, was DAS ist und die Leute kennen. Ihr seid wohl möglich schon an vielen Leuten mit Autismus vorbeigezogen und ihr habt es nicht gesehen. Wie denn auch?
“Milde Form”? Spätestens wenn du auf einmal nichts kannst, wenn etwas was du kannst wegfällt, wenn deine Welt zerbricht, verstehst du, dass es keine milde Form gibt!
Mein erster und einziger Versuch für eine Ausbildung habe ich abgebrochen.
“Ich kann das nicht”.
Das war meine Begründung. Sie wurde vom ganzen Umfeld so hingenommen. Es wurde nichts hinterfragt. Keiner passte auf. Keiner half mir und alles, was ich wusste, war, dass ich das nicht kann.
Keiner hat sich daran stören lassen, dass ich etwas nicht konnte, obwohl ich es wollte. Wenn ich mir sonst was in den Kopf gesetzt habe, habe ich es gnadenlos durchgezogen und das mache ich eigentlich heute auch noch so. Leider war “Du musst nicht alles können” und Neid Teil meiner Kindheit. Etwas nicht zu können, schien mich normaler zu machen.
Durch den Abbruch bin ich in eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gekommen. Dort fühlte ich mich dann wieder wohl. Aus dieser Zeit gibt es zwei Situationen, an die ich gerne zurückdenke, auch schon vor diesem Chaos. Aber beides seh ich nun in einem anderen Licht.
Die Schulklasse bestand aus mir und ein paar Chaoten. Wir kamen gut miteinander klar. An einem Tag fand in einem Teil des Gebäudes eine Blutspendeaktion statt. Ich fand es echt cool und konnte die Chaoten zum Blutspenden überreden. Die wollten schwenzen, das ging aber für mich nicht. Also sind wir zum Lehrer gegangen und dem hab ich dann gesagt, dass wir nun zum Blutspenden gehen, wir anschließend nach Hause fahren und er daher nicht auf uns warten muss. Es war das Natürlichste auf der Welt für mich. Ich meine, ich muss mich doch abmelden, oder nicht? Natürlich war ich trotzdem freundlich, auch wenn es eine klare Ansage war und kein Fragen um Erlaubnis. Er hat uns gehen lassen und alles war gut.
Das war richtig cool und ich liebe diesen Tag mit jedem erneuten Durchleben der Erinnerung ein bisschen mehr.
Jetzt weiß ich wo das hingehört und ich habe noch viele solcher Geschichten. Ich habe mir so einiges erlaubt und bin mit eigentlich fast allem durchgekommen. “Sabrina darf alles” war schon damals ein oft zu hörender Spruch. Ich mag ihn nicht, da er immer mit Ärger oder Neid verbunden ist. Die Sprüche werde ich mal gesondert auflisten. Vielleicht kennt der ein oder andere das ja auch.
Die andere Sache ist etwas komplizierter.
In der ABM sollten wir uns um ein Projekt kümmern. Da ich zu der Zeit eine Bengalkatze hatte und ich mit ihr züchten wollte, war mein Projekt das Bauen einer Wurfbox.
Erst wurde eine perfekte Zeichnung angefertigt von einer Wurfbox mit Wurfhöhle, Vorderraum, Kittenschutz und Deckel. Dann musste ich die Wurfbox bauen und zwar nach meiner Zeichnung/Anleitung. Das war für mich kein Problem und hat mir echt gefallen.
In irgend einer der Stunden kam der Lehrer dann auch an meinen Tisch. Er ging immer mal rum und schaute, wer was macht. An dem Tag blieb er bei mir stehen. Schaute meine Zeichnung noch mal an. Schaute die fast fertige Wurfbox an und dann schaute er mich an mit den Worten: “Warum bist du hier?". Mehr hat er nicht gesagt.
Total vertieft in meiner Arbeit habe ich ihm natürlich die richtige Antwort auf seine Frage gegeben und erklärt warum ich da war.
Was ich zu der Zeit noch nicht verstanden hatte, war, dass er nicht wissen wollte, warum ich da war.
Er konnte es einfach nicht verstehen, warum ich da, bei den Chaoten war und nicht wie Gleichaltrige in der Ausbildung, im Studium oder eventuell schon bei der Arbeit.
Für ihn war ich da fehl am Platz. Er ging wortlos weiter und ich machte mich wieder an die Arbeit.
Jetzt gibt es immer wieder Momente, wo ich gerne wissen möchte, wie dieses Gespräch verlaufen wäre, wenn ich mit dem Wissen über Autismus aufgewachsen wäre. Vor diesem Chaos lag der Schwerpunkt dieser Erinnerung anders. Ich fand den Moment klasse. Die Erinnerung trug. Da lag so viel Kraft. Ich war mächtig stolz auf meine Arbeit und die kurze Frage hat mich nicht gestört. Da ich von Natur aus kein Lob brauche und auch keine Bestätigung - die Art von Bestätigung die ich brauche ist anders - war mein Kopf nur bei der Box und die war fast fertig und ich wusste, wie gut die Arbeit ist. Das Gespräch war eine Randnotiz. Jetzt nicht mehr.
Meine Ablehnung in Bezug auf eine Ausbildung wuchs, als ich in einem Praktikum alle Arbeitsvorgänge gelernt habe und alles durfte und konnte - bis auf eine große Maschine, da durfte ich nicht dran. Die Arbeit war gut und es war nah an zuhause und da ich einen Job brauchte, fragte ich da nach. Ich wurde abgelehnt, da ich erst eine Ausbildung brauche. Das hatte ich zu der Zeit nicht verstanden. Wofür brauche ich eine Ausbildung, wenn ich doch im Praktikum schon alles gelernt habe? Ich bin immer noch der Meinung, dass eine Ausbildung, ein Studium oder sonst ein Kurs, absolut nichts über die Intelligenz und Fähigkeiten eines Menschen sagen und leider treffe ich immer wieder auf Menschen, die dies beweisen. Aber natürlich gibt es Bereiche, da sind Ausbildung und Co. angebracht und nützlich. Ich selbst wollte Kinderkrankenschwester werden mit dem Schwerpunkt Neonatologie. Ohne Ausbildung nicht machbar. Leider war die Ausbildung für mich nicht machbar. Für das eine zu blöde und für das andere immer noch nicht gut genug. Ich hatte die Schnauze voll.
In der Schulzeit und in meinen Jobs habe ich Autismus quasi in allen Ecken gefunden. In den meisten Situationen ist es der Umgangston, aber auch wieso und warum ich Dinge so gemacht habe, wie ich sie gemacht habe, ist autistisch. Es hat mir halt nie jemand gesagt, dass man es so halt nicht macht. Und die Kleinigkeiten, summiert, sind gigantisch. Es ist so an sich nichts Schlimmes dabei. Es ist halt einfach nur anders und wurde so geduldet. An und für sich war ich ein liebes Kind. Sehr freundlich, höflich, recht respektvoll, Zuvorkommend mit Weitblick und Vorsicht.
Deren “Sabrina darf alles” war mein “Ich kann nichts dafür, dass die so blöde sind” und das ist immer noch in meinem Kopf. Ich kann nichts für die Blödheit der anderen. Das ist nicht meine Schuld …..
Das in der Klasse zum Beispiel reinrufen nicht gern gesehen war, hatte ich zwar rasch gelernt, war mir aber oft egal, oder habe ich nicht daran gedacht? Ich weiß es nicht mehr. Melden und dann riskieren, an die Tafel zu müssen, war oft nicht möglich. Mein Teilzeitblond war schon zu der Zeit sehr aktiv.
Wenn ich Rederaum habe, gibt es immer noch Kommentare von mir zu Unterhaltungen, die ich höre. Man ist sehr Besserwisserisch.
Ich versuche immer noch viel auszublenden, zu ignorieren. Ich will es nicht hören. Vieles, was man so mitbekommt, ist nicht nett. Kommentare zu Unterhaltungen, an denen man nicht teilnimmt, sind nicht erwünscht und wenn ich zu viel mitbekomme, will ich es auch wissen und vor allem sagen. Ich weiß, dass mich vieles nichts angeht und ich eigentlich mich da raushalten muss bzw. Fragen sind nicht erwünscht. Vieles ist nicht erwünscht. Leider ist mein Kopf da anderer Meinungen und bevor es zu viele Fragen sind, blende ich aus. Wenn ich nichts mitbekomme, kommen auch keine Fragen.
Schule war für mich eher eine Pflichtveranstaltung mit großem Spielplatz. Ich war und bin immer noch warnsining verspielt.
Lernen brauchte ich nicht viel, ich wusste das Meiste schon aus den Unterrichtsstunden. Wenn mir das Thema gefiel, wusste ich alles.
Wenn ich wirklich mal Zuhause was für die Schule gemacht habe, waren dies Ausnahmen, um die Note zu verbessern, wenn ich zwischen zwei Noten stand.
Dieses Gefühl “Wenn ich schon mal hier bin, kann ich ja mitmachen” kenne ich bis heute. Es ist ganz normal für mich und etwas, wo ich weiß, dass die anderen es nicht haben. Es ist mir aber auch egal.
In den Pausen und Freistunden war ich entweder mittendrin oder ein Einzelgänger. So wie ich es wollte. So wie ich es konnte. Ich gehe und komme, wie ich es will, zwar im Rahmen der Schulzeit, aber dann frei.
Auf meinen Zeugnissen war immer ein sehr gutes Sozialverhalten vermerkt und ich war an der weiterführenden Schule die ganze Zeit ein Schulsanitäter.
Wie geht das mit Autismus?
Zum einen ist das sehr gute Sozialverhalten mein “Aufpassen” gewesen und zum anderen hatte ich durch meine Schwester, die auch an der Schule war, den stärksten Support, den es gibt. Auch sie war ein Schulsanitäter und in dem Bereich war ich also nie alleine, immer in sicherer Begleitung und konnte etwas machen, was mir Spaß bereitete.
Ich wusste immer wo meine Schwester Unterricht hat, wo ich sie finden würde und schaute immer wieder mal vorbei. Mal sah sie mich nur selten, Tageweise auch gar nicht und dann klebte ich an ihr. Aber sie war immer da.
Auch wenn es kaum zu glauben ist, gehörte ich zu den Kindern in der Schule, die sich geprügelt haben. Der Grund war aber ein anderer, als man glaubt.
Noch heute kann ich es kaum aushalten, wenn geärgert wird, wenn es laut wird, wenn der Tonfall angreifend wird, wenn man sich also streitet. Es ist in solchen Situationen fast egal, ob es gegen mich gerichtet ist oder ich es bei anderen sehe oder höre. Es geht einfach nicht. Oftmals nicht mal ein bisschen. Schon als Kind habe ich solche Situationen verlassen. Ich bin nicht weggelaufen, aber war in sicherer Entfernung. Wenn wieder Ruhe herrschte, kam ich zurück. Es ging und geht nicht anders. Zu sehen, wie jemand schikaniert wird, oftmals sogar zu unrecht, ist einfach nur schrecklich. Wie können Menschen riskieren, der letzte Tropfen zu sein? Dieser Streit und Stress geht immer gegen mich, so fühlt es sich an.
In der Schule ist weggehen oft nicht möglich gewesen, also habe ich gelernt, dazwischen zu gehen. Ich musste nie lange aushalten, nur bis die Pausenaufsicht da war. Und sollte es in dieser Zeit zur Prügelei kommen, dann war das okay.
Ich habe nie Ärger bekommen. Keinen Eintrag. Keine Abmahnung. Keine Strafe und kein Nachsitzen. Wie habe ich das geschafft?
Es war das Warum!
Wenn Kind A von Kind B gestresst wurde, habe ich Kind A geholfen. Wenn Kind A irgendwann Kind C ärgert, habe ich zu Kind C gehalten und so weiter. In kürzester Zeit habe ich die Situationen perfekt einschätzen können und sie unterbrochen, manchmal auch für das Ende gesorgt.
Ich habe niemals das Prügeln angefangen und auch nicht jeden Kampf gewonnen. Ich musste ja nur Stand halten, bis die Aufsicht da war und das ging.
So habe ich auch gleichzeitig sicheren Raum geschaffen. Ganz schön clever.
Aus stressigen Situationen geh ich immer noch raus, aber das Prügeln blieb in der Schule. Wenn man bedenkt, dass ich mich ja quasi nur gewehrt habe, ist das ja auch eine normale Entwicklung gewesen.
Ich habe einer einzigen Person bis jetzt erklärt, was das für Situationen sind, sowohl am Verhalten der Person und wie ich sowas löse.
Ich habe versucht zu erklären, was das in mir macht und dass es nicht geht. Ich hatte gehofft, dass sich was ändert.
Eine Änderung in diesem Verhalten von der anderen Person wäre eine Win-Win Geschichte für uns alle. Aber nein. Es ist wieder passiert. Ich konnte mich zum Glück zurückziehen und habe gewartet.
Jetzt war ich nicht nur wegen der Situation gestresst, sondern auch weil ich der Person wohl doch egal bin.
So etwas begegnet mir leider oft und nun hat alles einen bitteren Beigeschmack bekommen.
Wer hat nun die Verhaltensänderung, die das Leben negativ beeinflusst?
Leider gibt es auch stressige Situationen wo ich nicht “weglaufen” darf, man lässt mich nicht gehen und nimmt mir Raum und dann wird es erst richtig blöde. Wenn man dann noch bedenkt, dass ich viel spiegel ist das Chaos perfekt. Dies ist ein Punkt, den ich wirklich gerne ändern möchte und ich arbeite auch schon daran. Leider hat die letzte Situation mir gezeigt, dass ich noch lange nicht so weit bin, es "auszuhalten". Wenn der Kopf übernimmt, ist Logik einfach nicht möglich. Und schon bin ich es wieder, die die Verhaltensänderungen hat, die das Leben negativ beeinflussen.
Wir spielen gerade Ping-Pong.
Was noch?
Reden und zuhören.
Beides ist für mich untrennbar. Reden ist für mich genauso wichtig wie zuhören. Aber in beiden Bereichen gibt es Extreme. Zu viel reden und schweigen. Alles belauschen und ausblenden. Ganz normal und das war schon immer so.
Wenn Safe Space fehlt, fehlt die Sprache. Wenn Save Space da ist, fehlt die Pause; ihr müsst es sagen, wenn ihr auch reden wollt.
Wenn ich jemanden höre und das Thema gefällt mir oder ich weiß, dass es sich lohnt aufmerksam zu sein, hänge ich an deren Lippen und kann stundenlang stumm zuhören. Wenn es mich nicht interessiert, bekomme ich kaum ein Wort mit. Ich bestimme, wie ich das Radar einstelle.
Komisch wirds, wenn Save Space entsteht, der Rededrang wächst und man nicht weiß, wann es zu viel ist. Das ist anstrengend. Wenn Rederaum entsteht, kann ich anhänglicher werden als ein Dackel: “Mama guck mal, hör mal”....
Mit dem Reden ist das halt immer so ne Sache. Damit mein Kopf mitmacht und ich auch zur Ruhe komme, müssen die Gespräche intensiv sein.
Intensive Gespräche bekomme ich auf zwei Arten.
Entweder über Geschwindigkeit, dann gehen auch belanglose Themen oder über interessante Themen und Wissensaustausch.
Das Zweite erklärt sich, hoffe ich, von alleine. Da brauch ich nichts zu sagen.
Das erste hingegen kann mit Herausforderungen kommen, wenn man mich nicht kennt.
Ich kann jemanden zu Tode reden. Jemanden eine Frikadele ans Bein labern. Ohne Punkt und Komma quatschen und die Aussage "Brini, halt mal die Klappe, ich will was trinken” ist ganz normal.
Selbst bei Smalltalk schaffe ich es, dass das Gespräch für die Anderen anstrengend wird. Ich hingegen habe meinen Spaß.
Das Problem:
Aufgrund der Geschwindigkeit höre ich meine Gedanken dann oft erst, wenn ich sie sage. Das kann mega witzig werden oder voll in die Hose gehen. Ups, zu spät.
Dass Menschen, in unterschiedlichen Konstellationen, anders miteinander reden, habe ich früh beobachten können. Es kommt halt auf die Situation drauf an und wie die Personen zueinander stehen. Das Siezen und Duzen unterstreicht diesen Unterschied noch mal.
Woher soll ich denn dann wissen, dass ich da auch nochmal anders bin, wenn es mir keiner erklärt?
Wir müssen echt mehr reden und zuhören.
Ich könnte stundenlang so weiter schreiben. Ich habe so viel gefunden und kann, zum Glück, über vieles nun Lachen. Ich habe echt einen komischen Humor und daher finde ich es mittlerweile witzig und bin gespannt, was da noch so kommt.
Natürlich sind da auch Momente dabei, wo ich denke, dass ich es anders gemacht hätte, wenn ich es schon gewusst hätte, und mit dem nächsten Gedanken weiß ich 1000%tig: nö hätte ich nicht. Ich hätte mich erklärt und es trotzdem kackendreist so durchgezogen.
Ich habe dieses Jahr ein Gespräch mitbekommen und eine Person erzählte der anderen, dass sie ein Kompliment bekommen hat. Die Person war einkaufen und jemand hatte zu ihr gesagt, dass sie hübsch sei.
Als ich das hörte, freute ich mich sehr für die Person. Ich liebe es, glückliche und fröhliche Menschen zu sehen, das ist ansteckend.
In meinem Kopf ging sofort die Leuchttafel “Ja, aber nicht so” an. Eine Sache, die schon immer da war.
Ich sammle auch Komplimente und das in Hülle und Fülle!
Ich helfe gerne und selbstständig. Wenn mich jemand anspricht, helfe ich und wenn ich nicht helfen kann, helfe ich, Hilfe zu bekommen. Wenn ich sehe, dass jemand Hilfe braucht, biete ich Hilfe an oder helfe einfach.
Danke. Sehr lieb von dir. Das ist aber nett von dir. Das wäre schön. … usw.
Dinge, die ich ganz normal zu hören bekomme und die Freude und/oder Erleichterung in den Gesichtern der Menschen ist unbezahlbar.
Auch höre ich:
"Schade, dass nicht alle Mitarbeiter so freundlich sind wie Sie”.
Antwort: “Danke, aber ich arbeite hier nicht”. Ich weiß, nicht die cleverste Antwort von mir.
oder:
“Frau Green!" Wenn Sie hier sind, kann der Tag nicht mehr schlimm werden. Schön Sie zu sehen.
Es hat nur für ein “Danke” gereicht. Ich war echt sprachlos.
Ich habe auch 2025 Komplimente gesammelt und mir so einiges geleistet. Im großen Chaos war ich immer noch ich. Jetzt, wo bei mir wieder Ruhe eingekehrt ist, kommen zu den Erinnerungen auch die Gefühle wieder und das trägt und zu wissen, dass das nie kaputt war, ist unbeschreiblich gut und sehr wichtig für mich.
Es gab zum Beispiel eine Situation, da brauchte ich 3 oder 4 Anläufe, um meinen Willen durchzubekommen. Ich weiß das ich mächtig Angst hatte, es zu weit zu treiben. Ich weiß aber auch, dass ich trotzdem freundlich geblieben bin, eben halt nur sehr nervig, bis ich mein "Ja" bekommen habe. Damals wusste ich, dass ich weder locker lassen würde noch ein Nein akzeptieren würde. Ich kenne dieses Gefühl. Ich wusste, dass ich Ärger kriegen kann, wenn ich was falsch mache. Ich wusste aber auch, dass es anders nicht geht. Ich war da einfach nur ich und ich wollte es so und nicht anders. Ja, ich kann sehr stur sein. Ich habe es verstanden.
Es ist alles gut gegangen. Nichts passiert und es hat sich für alle gelohnt. Ganz besonders für mich. Ich hing in einer “Warteschleife” fest und brauchte unbedingt was zum Lernen, was für den Kopf. Hat man dann einen Plan, einen Ausweg, eine Lösung gefunden für diese innere Unruhe, ist es schon echt zwanghaft und man kommt nur schwer davon ab.
Wenn ich jetzt wieder in eine solche Situation kommen würde, würde ich mich erklären, um der Angst auszuweichen und hoffen, dass man “mich machen lässt”. Ich war zu der Zeit mutig genug, um auszuhalten und ich hoffe, dass ich in der Zukunft mutig genug bin, um nicht aushalten zu müssen.
In einer anderen Situation war ich einkaufen und hatte eine Unterhaltung auf englisch im Ohr. Klar war ich sofort dabei.
Es war rasch klar, dass die zwei Personen, Verkäufer und Käufer, aneinander vorbei geredet haben.
Ich stellte mich zu ihnen, hörte ein paar Sätze zu und fing an zu dolmetschen.
Als alles geklärt war, habe ich mich verabschiedet und noch einen schönen Abend gewünscht. Der Käufer war sichtlich froh und der Verkäufer eher leicht irritiert und ich ging einfach weiter, als wäre nichts passiert. Das ist von Anfang Dezember 2025; einfach nur irre.
Ich habe mich schon als kleines Kind dazu entschlossen, dass ich nicht der letzte Tropfen sein will.
Ich will nicht der Grund dafür sein, dass die Welt von jemand anderem zerbricht.
Wenn ich nur einen Menschen durch meinen Text zum Umdenken bewegen kann und diese Person darauf achtet, nicht zum letzten Tropfen zu werden, haben wir 2 mächtig viel erreicht. Ich zähle auf dich. Trau dich zum anders sein. Sei mutig.
An diejenigen, die ihre innere Stimme zur Zeit nicht hören können und deren Kompass den Mittelpunkt des Lebens verloren hat.
Eure Stimme ist noch da, nur ganz leise, und euer Kompass ist nicht kaputt, nur aus dem Takt.
Da ihr meinen Text lesen konntet, seid ihr also noch am kämpfen. Macht weiter, es lohnt sich. Zusammen schaffen wir das. Sucht euch Hilfe. Macht es bitte nicht alleine. Es kann rasch zum Akt auf dem Drahtseil werden. Seid einmal mutig und redet mit jemandem. Schreibt wenn die Sprache fehlt. Benutz die Buschtrommel, sendet Rauchsignale, ruft die Kavallerie, egal was, aber macht etwas. Sei mutig. Keiner kann Gedanken lesen.
An diejenigen, die gesucht haben, gefunden haben und doch noch zweifeln. Liebe Grüße vom Spektrum. Hier seid ihr richtig. Ihr könnt mit dem zweifeln aufhören, euren roten Faden des Lebens finden und ……. weiter Leben. Ihr seid nicht kaputt und ihr seid vor allem nicht falsch.
An diejenigen, die “mit ins Spektrum” wollen. Auch ihr seid herzlich Willkommen. Wenn euer Leben ein Chaos ist und der Glaube euch Kraft gibt, seid auch ihr hier richtig, auch wenn ihr theoretisch nicht dazu gehört. Das Spektrum ist groß genug. Reiht euch ein. Seid mit dabei und wenn zu guter Schluss jeder im Spektrum ist, sind wir alle gleich. Dann bin auch ich gleich. Dann braucht sich niemand mehr Rechtfertigen. Ich lehne, von Natur aus, nicht ab. Ich lehne auch euch nicht ab und wünsche mir, dass auch ihr euren Platz im Leben findet.
An alle Mamas und Papas. Ihr seid die Größten und könnt mächtig stolz auf euch und euer Kind (eure Kinder) sein. Ihr habt die größte Einschränkung des Lebens auf euch genommen, um neues Leben zu schaffen und das alles aus Liebe.
Obwohl das Leben mitunter schrecklich ist, gemein ist, unberechenbar ist, mit Schicksalsschlägen nur so um sich wirft, habt ihr euch für einen Funken Hoffnung entschieden.
Es ist nun eure Aufgabe, diesen Funken wachsen zu lassen. Ihn zu begleiten und zu beschützen und manchmal bedeutet dieser Schutz auch, dass wir gegen unsere eigenen Dämonen kämpfen müssen. Es ist egal ob euer Kind neurotypical ist oder neurodivers, es wird ihm nicht schaden, wenn er vom großen Ganzen weiß.
Sollte euer Kind neurodivers sein und ihr wisst es nicht, aber berücksichtigt dies einfach beim Großwerden, wird euer Kind von Anfang an die Stütze bekommen, die es benötigt, ohne sich anders “zu fühlen”. Es ist ja normal, dass es zwei Seiten gibt und was man kennt, fürchtet man weniger.
Sollte euer Kind neurotypisch sein, wird es “ganz normal” groß, aber mit einem wertvollen Schatz an Bord. Sein Wissen über das große Ganze; er wird ja damit groß und daher ist es normal. Sein Wissen wird oder kann dafür sorgen, dass euer Kind zu einer sehr offenen Person heranwächst.. Vielleicht wird euer Kind mal zur “Save Person”. Vielleicht wird euer Kind, oder später der Erwachsene, genau diesen wichtigen Unterschied im Leben eines Neurodiversen machen.
Sagt es euren Kindern. Sie sind so offen und frei und werden es besser verstehen als ihr denkt. Seid mutig und legt den Grundstein für eine Veränderung; unsere Gesellschaft braucht diese Änderung dringend.
An diejenigen, die aus Neugier gelesen haben.
Super, dass ihr noch hier seid und nicht aufgegeben habt. Nun wo ich, hoffentlich, eure Neugier geweckt habe, kann es weitergehen.
Neugier ist der erste Schritt zur Änderung.
Lest weiter, recherchiert. Tauscht euch aus. Lernt! Macht alles, nur nicht ignorieren.
Das Internet ist voll mit Infos. Ihr habt nun keine Ausrede mehr, wegzuschauen, nicht hinzuhören oder verletzend zu sein, nur weil ihr es nicht versteht. Lehnt uns nicht ab.
Mitunter kann es passieren, dass ihr die Ersthelfer seid.
Also helft!
Wer nicht helfen kann, holt Hilfe.
Bildet eine Rettungsgasse!
In stressigen Situationen seid ihr oft diejenigen, die noch einen klaren Verstand haben. Gibt Raum und Zeit. Seid verständnisvoll und wenn ihr es nicht versteht, dann akzeptiert die Dinge einfach so wie sie sind. Reden können wir, wenn der Kopf wieder online ist.
Seid mutig!
Wenn ihr den Verdacht habt, da könnte “was sein", dann schaut genauer hin. Hört genauer hin. Wenn ihr es nicht “sehen könnt”, werdet ihr in Kleinigkeiten suchen müssen. Wenn wir komisch, unberechenbar oder einfach nur anders auf euch wirken, dann seid ihr wohl auch schon auf der richtigen Spur.
An uns alle:
Redet!
Redet miteinander.
Ich weiß jetzt, dass die Art von Verarbeitung, die bei mir stattfindet, wenn ich rede, nicht normal ist. Aber ich möchte immer noch an meinem: “Lass sie reden! Früher oder später wird es auch bei ihnen klick machen” festhalten.
Nicht jeder liest gerne. Nicht jeder mag Bücher oder das stundenlange Sitzen am PC aber reden geht bei fast allen.
Kommt ins Gespräch und lasst Neurodiversität Teil des Lebens werden.
Ja, wir sind anders, oft auch komisch und kompliziert, aber hey! Wir sind nicht ansteckend (schlechter Humor?!).
Und wenn all das doch nicht geht, dann seid einfach freundlich zueinander. Wir sitzen alle im selben Boot. Keiner kommt hier lebend raus, also lasst uns für eine angenehme Fahrt sorgen und zwar für alle.